Bericht einer Bulemikerin

Das schlimmste, wenn man diesen Teufelskreis einmal betreten hat, ist wohl das ständige Unverständnis auf das man stößt, wenn man sich endlich getraut hat zu seinem Problem zu stehen. Mir wird immer wieder geraten Sport zu machen und einfach weniger zu essen, mein Umfeld kann sich nicht vorstellen das essen nicht stoppen zu können. Wenige und wohl auch ich selber konnte und kann wohl immer noch nicht die ganze Komplexität dieser Störung begreifen. Tipps wie werde selbstbewußter und ignoriere die anderen, haben mich immer wieder aus der Bahn gerissen, da ich merke wie wenig man mir zu hört während ich rede. häufig Projektzieren die Menschen mit denen ich sprach auch ihre eigenen Probleme, Komplexe und Weltanschauungen auf mich und reißen mich durch nett gemeinte Vertrauensbrüche total aus der Bahn, wie eine Information an mir nahestehende Menschen die wohl ihrer Meinung nach mehr bewirken können. Völlig wird von den meisten Menschen ignoriert das nur ich selber entscheiden kann wem ich mich anvertraue, und auch das sie damit den größten Fehler machen. denn Menschen denen ich blind vertrauen kann das sind die Menschen die mir wirklich geholfen haben und helfen. Das kommt wahrscheinlich weil ich mir selber nicht vertraute und mir immer weniger vertraue... man muß sich vorstellen das ich mich jeden Tag wieder mit jeden bissen den ich esse und mit jedem erbrechen selber enttäusche, das ist wie ein ewiger Kampf gegen den eigenen Körper und Geist. Die Enttäuschung durch andere Menschen ist dadurch wohl einer der schmerzhaftesten punkte... in so einer Situation fühle ich mich verlassen, verlassen von der liebe verlassen von mir und verlassen von der Welt. Diese Situationen führen oft zu sehr starken Depressionen, welche bei mir in dem meisten fällen im Selbsthass enden. das Wort “Selbsthass” hört sich auf den ersten Blick an, wie das was einem passiert wenn man wieder seine Arbeit nicht gemacht hat .... oder mal wieder ungerecht zu jemand war, in diesem fall muß man sich jedoch eine andere Art und ebene von Selbsthass vorstellen. Ich fange an zu hassen was ich getan habe ob es das Essen oder das Erbrechen war, danach beginne ich ganz langsam und ohne auch nur eine Kleinigkeit auszulassen, zwanghaft alles zu bewerten... Dabei fange ich meistens bei meinem eigenen Körper an... und stelle fest ich hasse ihn... Dann beginne ich mich zu erinnern wie ich in bestimmten Situationen reagiere... und ich hasse es.... Danach beginne ich mir meinen Geist an zu gucken und ich hasse ihn, weil er diese Gedanken hat, diese Gedanken des Selbsthasses... aber ähnlich wie beim essen kann ich damit trotzdem nicht aufhören... ich beginne also immer mehr und weiter zu bewerten und mich an geleisteten dingen wie schulnoten... oder einer Beförderung aufzuwerten... dann stelle ich fest das ich nichts wirkliches geleistet habe in meinem leben und hasse schon wieder. Der Selbsthass dient mir glaube ich dazu diese schreckliche leere die ich fühle zu überdecken. Mit diversen Gefühlen ob sie negativ sind macht keinen Unterschied... Hauptsache ich spüre das ich existiere.

und aus Frust beginne ich zu essen ... wie durch einen inneren sog angezogen und geleitet.. kann ich nicht mehr steuern ob ich esse oder nicht... und wenn der erste Bissen dann gegessen ist denke ich mir das es eh zu spät ist um es zu ändern. Dann während des Fressanfalls (bei dem man enorme mengen zu sich nimmt) und auch kurze zeit nach dem Fressanfall fühle ich mich betäubt wie in einer handlungsfähigen Ohnmacht, und der Verstand schaltet sich aus... das einzige was zählt ist möglichst viel und möglichst schnell jegliche Art von Nahrung in mich rein zu stopfen.... natürlich beginnt, so bald ich meines Verstandes wieder “Herr” bin, die Phase der Gewissensbisse.. und auch wieder der Selbsthass. Daraufhin wird das ganz Essen so schnell wie möglich erbrochen oder abgeführt.. oder beides denn die Panik die sich in meinem ganzen Körper dann breit macht ist so beißend und schmerzhaft das ich alles tun würde um dieses Gefühl loszuwerden. Nach dem erbrechen geht der Selbsthass dann wieder in diese extreme Richtung und ich beginne mir ziele zu setzen die aus einer Illusion entstehen und nicht erreichbar sind. Praktisch nach jedem erbrechen nehme ich mir vor damit aufzuhören, und daraus folgt die Angst vor jeder Konfrontation mit essen. Dann beginne ich die Mahlzeiten und Nahrungsaufnahme aufzuschieben.. So kann es passieren das ich über einen längeren Zeitraum nichts esse, aber dann wenn nichts mehr dran zu rütteln ist und ich wohl oder über etwas essen muß geht der ganze Teufelskreis von vorne los. Natürlich kommt der nächste Fressanfall da mein Körper ja dann ausgehungert ist, aus dieser Abfolge besteht mein Alltag.

Diese gesteigerte Form von Selbstbetrug den “ich” meinem Geist ständig antue ist enorm. Anfangs war es nur das Unterlassen und Verschieben des Zeitpunktes an dem ich mal nachdenke, in den gut 2 Jahren in denen ich Bulimie habe hat sich diese Verzerrung immer weiter in mein Gedankensystem “eingebohrt” bis es soweit war, das ich gerade Erbrochen hatte und immer noch leugnete (leugne) krank zu sein, ich nenne es wenn ich mich in einer solchen Illusion befinde immer wieder eine radikale Diät... weiche aus mit Sprüchen wie “was sein muß, muß sein”.
Oder “das war ne Ausnahme”, der Fehler der angehörigen ist dann, daß sie es für eine bewußte lüge halten, doch das ist sie nicht, denn in solch einem zustand sage ich es mir auch selber... ich versuche mich selber davon zu überzeugen das es so ist.... um der schmerzhaften Wahrheit noch weiter zu entfliehen. Mir ist bewußt das ich krank bin und das es eine riesengroße Selbstlüge ist in die ich immer wieder rein gerate und doch gehe ich bewußt immer wieder zu diesem Punkt zurück.
Wenn ich mich im Spiegel betrachte sehe ich etwas abstoßendes, widerliches.. Fast pures fett mit einer kleinen Öffnung zum atmen ... ich weiß zwar das ich nach der Statistik nur leichtes Übergewicht habe, aber wenn ich mich selber sehe, ist es als wenn ich wie eine Kugel rollen könnte. Wenn mir jemand ein Kompliment macht kann und will ich es nicht annehmen weil ich dann meine Illusion aufgeben müßte.  Ich kann es auch nicht annehmen... Mein erster Gedanke ist... “der verarscht mich”, ich werde dann wütend und fühle mich nicht ernstgenommen... all die Dinge hören sich wirr an... das sind sie auch .. denn in meinem Kopf regiert die Verwirrung.

Die Angst davor mir selbst die Wahrheit einzugestehen und diese “Lebenslüge” aufzugeben ist so unsagbar groß das ich in extremen Situationen schon anfange zu blockieren wenn ich nur daran denke diese Angst aufgeben zu können. Später sehe ich es wieder das ich es kann, wenn ich es richtig mache. Diese Art Ängste die mich überall begleiten sind eigentlich auf alles nur denkbar übertragen.... Die hauptsächlich erkennbare Angst ist natürlich die Panik und Hilflosigkeit gegenüber der Gewichtszunahme, aber auch auf anderen Gebieten treten Ängste, diese Ängste auf. Immer wieder wache ich nachts auf und träume von etwas was ist wie ein neben den ich einatme und der sich in meinem Geist und Körper breit macht und ihn zerstört. Ich denke, daß das eine Möglichkeit ist wie sich diese Ängste zeigen wenn ich sie verdränge.

Eigendlich denkt die Masse das es da mit selbstwert Aufbauen eine sinnvolle Methode ist, aber ich denke das es damit nicht getan ist... Das ist eher eine Art die Ursache zu verdecken, einfach etwas anderes in Art einer Gehirnwäsche drüber zu legen. Viel sinnvoller ist es.... oder nötig die Ursachen zu erkennen und zu zerlegen was ein jahrzehntelanger Prozeß ist.

Bis vor kurzer zeit gab es keinen Lichtblick in meinem leben ich habe versucht mich ein paar Leuten anzuvertrauen, aber die Reaktionen waren erschreckend gleichgültig, bis ich meinen jetzigen Freund kennenlernte, der der erste Mensch war der begriff und begreift was ich fühle, endlich jemanden zu haben der zuhört wenn man spricht... und der einen wirklich verstehen will war wie eine Art Wiedergeburt. Er ist der erste Mensch der mich auch mit dieser Eigenschaft nimmt wie ich bin, vor dem ich sein kann wie ich will und bei dem ich genauso essen und erbrechen kann wie daheim, er akzeptiert diese Krankheiten und unterdrückt nicht krampfhaft die Symptome sondern toleriert sie, und hilft mir während dessen die Ursachen meiner Probleme zu finden.
Sicher ist es für ihn oft schlimmer als für mich, da ich mich ja mit meiner Lüge vor mir selbst schützen kann und auch wurden die Symptome anfangs und immer noch scheinbar extremer, aber in Wirklichkeit war es nur weil ich das erste mal angefangen habe meine zwänge zu beobachten und ihnen nicht zu entfliehen. Natürlich sind bei diesem Prozeß einige dinge und Problemstrukturen aufgetaucht mit denen ich nicht gerechnet habe und somit schien es mir schlimmer als vorher, in Wirklichkeit was aber genau das, das freie raus lassen von Gefühlen, auch wenn sie negativ sind, der erste Schritt zur Erkennung der Ursachen und Konfrontation mit dem Problem.

Der Weg aus diesem Kreislauf hinaus zu kommen ist ein schwerer harter weg. Für Betroffene und auch für Angehörige, aber das was mir am meisten hilft ist bedingungslose Liebe und Vertrauen. Nur wenn ich sein kann wie ich mich fühle und frei aussprechen kann was für Phantasien betreffend meines Körpers ich habe kann ich anfangen mit mir selber zu leben.

Das Drängen zu bestimmten Schritten ist das Sinnloseste was man einem solchen Menschen antun kann, denn wie wohl jedem bekannt ist kommt man da nur raus wenn man es will. Solch eine Forderung einer Mutter, Freundin oder Partners löst eher entsetzen in mir aus und bewirkt das das Vertrauen weniger wird, und dabei ist es das wichtigste im Heilungsprozeß. Ich habe solange geschwiegen weil ich niemanden mit meinen Problemen belasten wollte bis ich erkannt habe das die Belastung für andere viel größer ist, wenn sie merken das ich ein großes Problem verschweige, daß ich mich jemanden anvertraut habe war vielleicht nicht unbedingt der erste Schritt aber es hat alles erträglicher gemacht.

Wenn jemand Fragen oder Anmerkungen hat mail an:
katha_lina@yahoo.de

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